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Leitungswechsel in St. Josef

Joachim Lehmann geht nach fünfzehneinhalb bewegten Jahren in den Ruhestand. Zum 1. Mai 2021 tritt Peter Hermann seine Nachfolge an.

So, wie er 2006 plötzlich aus dem Norden Deutschlands kam und beherzt die Leitung des Kinder- und Jugendhilfezentrums St. Josef in Wunsiedel übernahm, genauso plötzlich geht er wieder: Joachim Lehmann, ein Pädagoge, wie man ihn sich besser kaum wünschen kann. „Wir werden unser 'Nordlicht', das sich einst aus Hamburg zu uns gewagt hat, sehr vermissen", unterstrich Michael Eibl, Direktor der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e. V., bei der Verabschiedung. Joachim Lehmann habe nicht nur den Status Quo gehalten, sondern das Angebotsspektrum enorm erweitert. Auch die bauliche Instandsetzung und der Neubau seien unter seiner Führung bestens verwirklicht worden. Am beeindruckendsten jedoch sei seine gelebte Wertschätzung gegenüber Kindern, sie in jedem Augenblick ernst zu nehmen und sich als ihr Anwalt zu verstehen.

Mit Peter Hermann, Sozialpädagoge BA und Erzieher, ist ein Nachfolger gefunden, der das Kinder- und Jugendhilfezentrum St. Josef in Wunsiedel in diesem Sinne weiterführen wird.

Bild v.li.: Einrichtungsleiter Joachim Lehmann, KJF-Direktor Michael Eibl, Peter Hermann, Nachfolger Joachim Lehmanns und künftiger Einrichtungsleiter des Kinder- und Jugendhilfezentrums St. Josef der KJF in Wunsiedel.

Hört man in diesen Tagen, dass Einrichtungsleiter Joachim Lehmann St. Josef verlässt, drängt sich einem zuerst die Frage auf, welche neue Position er denn jetzt übernehme. Ruhestand? Auf die Idee kommt man aufgrund seines Aussehens und Auftretens nicht: „Na ja, ich habe sicherlich ein bisschen Glück. Die Haare sind noch da, das macht viel aus. Und zum anderen der Umgang mit jungen Leuten, sich immer wieder neuen Situationen stellen – all das lässt einen auch nicht rosten", meint er. Einen trockenen Humor, stets geradeheraus – egal, wer vor ihm steht –, immer Partei ergreifend für die Kinder und Jugendlichen, die es in ihrem Leben schon schwer genug haben: Das beschreibt den Pädagogen, der vor fünfzehneinhalb Jahren aus Hamburg nach Oberfranken übersiedelte, um bei der Katholischen Jugendfürsorge anzuheuern.

Joachim Lehmann wird zum Abschied reich beschenkt. Die Kinder und Jugendlichen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben u.a. einen tollen Filmbeitrag für ihn erstellt.

Den Status Quo sollte er halten, erinnert sich Joachim Lehmann. Doch das ist nicht sein Ding. Da muss schon etwas vorwärtsgehen. Unter seiner Leitung erweitert sich das Angebotsspektrum: Eine therapeutische Wohngruppe und eine Frühförderstelle werden eingerichtet. Zugleich hat er die bauliche Instandsetzung der doch sehr in die Jahre gekommenen Einrichtung sowie den Neubau auf den Weg zu bringen. Die KJF hat in den vergangenen Jahren rd. 6,5 Mio. Euro in dieser Region in Bau- und Sanierungsmaßnahmen investiert, davon kamen 2,53 Mio. Euro von Fördergebern wie der Oberfrankenstiftung, Sternstunden e. V. sowie der Bayerischen Landesstiftung und dem Deutschen Hilfswerk. 3,99 Mio. Euro allerdings waren Eigenmittel der KJF – es wurde also gewaltig in die Jugendhilfeangebote investiert, um für Kinder und Jugendliche Zukunftsperspektiven zu schaffen. Aber das sei auch richtig so, denn „die Kinder verdienen das Beste was man geben kann", so Lehmann. An dieser Aufgabe wird sein Nachfolger, Peter Hermann, dranbleiben. St. Josef ist zurzeit Ansprechpartner für 18 verschiedene Jugendämter (2006 waren es vier) – die fachliche Arbeit und Herangehensweise von Joachim Lehmann und seinem Team sprechen für sich.

 

„Hilfsangebote dürfen nicht nach Kostenlage entschieden werden."

Und auch hier ist sie wieder, die unverblümte Ehrlichkeit, wenn es etwa um die Zusammenarbeit mit Behörden und um die Genehmigung von Maßnahmen in der Jugendhilfe geht. Bei der Entscheidung bezüglich Hilfsangeboten gäben häufig die Kosten den Ausschlag, so Joachim Lehmann. „Es gibt manchmal Entscheider, die den Wert einer Jugendhilfeeinrichtung nicht einschätzen können oder keine Vorstellung haben von den vielfältigen Notsituationen, in denen sich Kinder und Familien befinden. Das habe ich im Laufe der Jahre immer wieder erlebt– doch eine Jugendhilfe nach Kassenlage darf es nicht geben. Das finde ich unverantwortlich!"

Klare, deutliche Worte, auf die auch die Kinder und Jugendlichen in St. Josef vertrauen können: „Kinder müssen Ehrlichkeit spüren und sich darauf verlassen können, was wir Erwachsene sagen", lautet eines der wichtigsten Prinzipien von Joachim Lehmann. So erlebten junge Menschen Beziehung neu, stabil – eine wichtige Voraussetzung, um sich im Leben zurechtzufinden, an sich zu glauben und sich zu behaupten.

 

Jedes Kind verdient das Beste.

Dafür hat sich Joachim Lehmann in seinem ganzen Berufsleben eingesetzt. Familie, die Bindung zu den Eltern ist wichtig. Ein zentrales Anliegen in der Arbeit des Kinder- und Jugendhilfezentrums St. Josef besteht darin, Eltern und Familien zu befähigen, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Doch das ist nicht so einfach. Wenn es vier, fünf, sechs Jahre schräg gelaufen sei, laufe es nicht innerhalb von zwei Jahren wieder gut. Beziehung brauche Zeit. Und manchmal gehe es auch nicht, weil die Eltern selbst so belastet seien: „Ich sage den Eltern oft, sie sind verantwortliche Eltern, wenn sie ihren Kindern und sich selber über das Jugendamt, über uns oder eine andere Einrichtung Unterstützung gewähren. Es geht darum, das Wohl des Kindes im Blick zu haben." Und es sei keine Schande, sich einzugestehen, dass man es jetzt aus verschiedenen Gründen nicht geschafft habe.

Zu seinem Abschied bricht Joachim Lehmann für die stationäre Jugendhilfe eine Lanze: „Ich wünsche mir, dass Heimerziehung nicht als das schlechtere Übel gesehen wird. Familie kann man nicht ersetzen, sie kann aber auch Terror sein. Und eine Wohngruppe kann eine durchaus akzeptable und fast gleichwertige Lebensform sein." Diese Überzeugungsarbeit ist Joachim Lehmann, der nach seinem Abschied von St. Josef wieder in den hohen Norden zurückkehrt, mit Bravour gelungen.

Text: Isolde Hilt
Bilder: Robert Gruber